Tag 7 | Asteroidenkater. Rylianisches Ale und Kriegsgeschichten.
Verdammt habe ich Kopfschmerzen.
Es ist als habe mein Hirn die Funktion des Herzens übernommen und würde sich pulsierend um die Blutversorgung meines Körpers kümmern. Es zieht sich in regelmäßigen Abständen zusammen und drängt dann voller Wucht zurück gegen die Schädeldecke. Und wenn ich die Augen zum Licht wende, bohren sich Photonen wie Nägel in die zähe graue Masse zwischen meinen Ohren. Das ist der schlimmste Kater meines Lebens. Meine Gelenke schmerzen, mein Magen ist klein wie ein Erbse, ist stoße ständig sauer auf und meine Zunge trägt eine ungesunde grüne Verfärbung.
Schuld ist das rylianische Ale, ein dünnflüssiges, wenig schaumiges, grünes Gesöff mit einer bitteren Note. Und ich weil ich es getrunken habe.
Aber alle diese körperlichen Leiden habe ich gerne für den gestrigen Tag in Kauf genommen. Denn ich habe einen neuen Freund gefunden. Einen ehemaligen rylianischen Marine. Sein Name ist Dxugil. Er ist 300 Erdenjahre alt und vor etwa einem Jahrhundert in Rente gegangen. Zusammen mit seiner Familie verbringt er seine Ferien auf einem benachbarten Asteroiden.
Als ich gestern einen Aufruf von meinem Schiff gesendet habe, dass ich einen Partner zum Gravity Golf suche, hat er sich binnen Minuten gemeldet. Und bereits zwei Stunden später, standen wir auf meinem Asteroiden und schlugen die ersten Bälle ab. Eine Chance hatte ich keine. Dxugil spielt ja schon länger als ich lebe. Doch das war egal, denn ich konnte einige gute Tricks von ihm lernen. Verraten werde ich die keinem. Nur soviel, es handelt sich um eine andere Art den Ball zu schlagen - oder besser ihn nicht zu schlagen.
"Ihr Erdlinge konzentriert euch zu sehr auf das, was vor euch liegt. Versuch nicht den Ball zu schlagen. Schicke ihn auf eine Reise und behandel ihn wie deinen Sohn", sagte er bevor er mit seinen langen Armen den Schläge hinter den Körper hoch und mit einer sanften Drehung seines dünnen Körpers zurückschnellen lies.
Ich muss dagegen ausgesehen haben wie ein in Folie verpackter, fetter Beutel Astronautennahrung - halb so groß und doppelt so breit. Nicht einmal halb so schnell konnte ich den Ball beschleunigen. Und schon nach drei Kratern lag ich mehrere Minuten zurück.
Dxugil war das egal. Er freue sich zu sehr, mal wieder zum Spielen draußen zu sein. Nicht dass er seine Familie nicht möge, aber 400 Individuen seien auf Dauer doch anstrengend. Das wunderte mich, denn ich hatte in der Schule gelernt, dass Rylianer niemals ihre Familienverbände verlassen. Die meisten nicht mal für ein paar Stunden. Da sie gleichzeitig sehr alt werden, muss eine Rylianische Hochzeit ein sehr teures Unterfangen sein. Als ich ihn darauf ansprach, lachte er laut auf.
Das würde für die meisten Rylianer sogar stimmen, meinte er. Nicht jedoch für die Marines. Sie müssten lernen auch mal alleine zu sein, wenn sie die Heimat verteidigen wollten. Auch wenn das schwer fällt. deshalb werde die Armee auch schnell zur zweiten Familie und deshalb würde kein Marine einen anderen auf dem Schlachtfeld zurücklassen. Nichts desto trotz habe er bei der Armee von dem Luxus erfahren, Zeit mit sich oder einem einzelnen Freund zu verbringen.
Als Freund bezeichnet zu werden, rührte mich sehr.
Spontan fragte ich ihn, ob er einmal gekämpft habe. Da wurde er still und legte seine Stirn in Falten und ich befürchtet meinen überraschenden Freundesstatus bereits wieder verspielt zu haben. Dann entspannte sich sein Gesicht wieder. "Natürlich", sagte er und zeigte mir ein altes Bild auf einem in den Arm implantierten Display.
So habe er damals ausgesehen. Damals war sein Bart noch dunkel und nicht weiß. Als junger Mann hat er gekämpft. Im Rylianischen Bürgerkrieg auf der Seite der Klerikalen. Aber das sei keine Geschichte, die man sich beim Spielen erzähle. Wohl aber beim Abendessen. Damit lud er mich auf seinen Asteroiden ein.
Und ich konnte nach so vielen haushoch verlorenen Runden Gravity Golf sowohl etwas zu essen als auch Gesellschaft gebrauchen. Nachdem wir die letzte Runde beendet hatten, nahm er mich in seinem Shuttle rüber zu seinem Mietasteroiden.
"Wenn man mit so großem Gefolge unterwegs ist, bleiben eigentlich nur Asteroiden als Urlaubsregionen", sagte Dxugil. Er wollte schon immer mal die Erde besuchen und schwärmte für Las Vegas. Aber ein Hotel für 400 Personen könne auch er sich nicht leisten. "Warum dann nicht alleine?", fragte ich, schließlich hatte er das Alleinsein doch bei der Armee gelernt.
"Na ja man muss es auch nicht übertreiben", sagte er. "Eine Party Golf, ein Tag woanders, dass ist Erholung. Aber eine lange Reise, dafür fühle ich mich schon zu alt. Solange ich es mir aussuchen kann, will ich doch die meiste Zeit einfach Rylianer sein."
Das Verstand ich und in eine engen Kurve zogen wir an einem Asteroiden vorbei, der vor seinem lag. Der Anblick überraschte mich. Auf dem Asteroiden hatte seine Familie eine richtige kleine Siedlung errichtet. Mehrere Gebäude aus dünnem Metall standen im Kreis auf der Oberfläche um einen Platz herum, der unter einen grünen Energiekuppel lag.
Wir durchstießen die Kuppel und landeten auf diesem Platz. Sofort war ich umringt von bestimmt zwanzig rylianischen Kindern, die kreischten und an meinen Sachen zogen. Doch Dxugil stand noch viel mehr im Zentrum des Interesses. Er wurde von den anderen Mitgliedern seiner Familie mit Umarmungen und Küssen empfangen, als ob er für Jahre verschwunden gewesen wäre. Er stellte mich den den Anwesenden kurz als den Nachbarn vor, den er besucht hätte und mich trafen sowohl freundliche als auch eifersüchtige Blicke.
Nach der Begrüßung führte Dxugil mich in das größte der Gebäude. Dort treffen sich die Familienmitglieder zum Essen. Und mit 400 Personen war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Rylianer saßen an langen Tafeln, die sternförmig von einem Mitteltisch abgingen. An ihm saß Dxugil, sein Vater, dessen Vater und ich, der ich mich richtig fehl am Platze vorkam.
Es gab ein sehr deftiges Essen aus Eintöpfen, die sehr scharf und fischig schmeckten. Ich verließ mich darauf, dass Dxugil sagte, dass unsere Mägen sehr ähnlich funktionierten und dass ich mir keine Sorgen machen brauchte.
Beim Essen erzählte Dxugil dann auch vom Krieg. Vor 150 Jahren hatten Kirche und Parlament der Rylianer sich verstritten. Er könne nicht mal genau sagen warum. Auf jeden Fall spaltete sich die Republik ab, zog sich auf die Außenwelten zurück und begann gegen die Staatskirche Krieg zu führen. Dxugil wurde eingezogen und immer wieder darauf hin getestet, wie Belastbar seine Psyche im Hinblick auf Familientrennung war. Und er war der Beste.
Also verfrachtete man ihn in einen Raumbunker nahe der Frontlinien. Dort saß er acht Jahre alleine in einer schwer befestigten kleinen Raumstation und wartete darauf, dass sein Sektor angegriffen wurde.
"Warum habt ihr keine automatischen Bunker eingesetzt?", fragte ich.
"Der rylianische Glauben verbietet uns, die Verantwortung an die Technik zu übergeben. Wir haben immer einen Lebenden, der die Technik überwacht. In diesem Fall war ich es."
"Und bist du dem Feind damals begegnet", wollte ich wissen.
"Erst als die Republik schon gesiegt hatte. Mein Posten war so weit draußen, dass der Krieg zunächst an mir vorbei gekämpft wurde," erzählte Dxugil.
Dann aber geriet er in Gefangenschaft und wäre um ein Haar Exekutiert worden. Man hatte ihn bereits an einen Wand gestellt, zusammen mit anderen Kameraden. Sie sollten mit primitiven Steinschuss-Gewehren getötet werden. Doch die Kugel traf ihn nur am Arm. Dxugil ließ sich trotzdem fallen, wurde auf einen Haufen mit Leichen geworfen. Er könne noch immer die kalte Haut seiner Kameraden auf seinem Gesicht fühlen. Bis zur Dunkelheit bewegte er sich nicht, dann konnte er fliehen. Familie helt ihn lange genug versteckt, bis der Krieg endgültig beendet war. Die Narbe an seinem Oberarm sieht man noch heute. Ein breiter schwarzer Hautknoten.
"Auf den Frieden muss man trinken", brüllte Dxugil darauf hin in den Raum und zusammen mit den anderen hob ich mein Ale. Und es bliebt nicht das letzte. Im Laufe des Abends hörte ich noch viele Geschichten und wurde selber zu einem Mittelpunkt der Unterhaltungen. Man fragte mich über meine Route aus und wie es sich anfühlen würde, so lange allein zu sein. Als ich erzählte, dass ich Waise bin und ohne einen Lebenspartner lebe - zumindest im Moment - brachen die älteren Frauen in lautes Klagen aus. Und die Männer spendeten mir auf ihre Weise trost. Richtig. Sie machten mein Glas immer wieder voll.
Wenn ich die Folgen des Ales überwunden habe, werde ich wieder aufbrechen. Diesmal zu meinem ersten Hyperraum-Sprung. Richtung Zeta Picoris. Der dritte Planet dieses Systems soll einen wahnsinnigen Urwald besitzten.

